Fördern statt filtern

Eine Mission von Visenti Verband Schulführung Schweiz zur Verschiebung des Selektionszeitpunkts auf das Ende der Schulzeit

Um was es geht

Darf Luca ins Gymi, kommt Anna in die Realschule? Das entscheidet sich an Schweizer Schulen am Ende der Primarschulzeit, also der sechsten Klasse – im Alter von 12/13 Jahren, also mitten in der Pubertät. Schulkinder werden in verschiedene Leistungsniveaus eingeteilt. Diese Selektion geschieht meist auf Basis von Fremdbewertungen, sprich, der Beurteilung durch Lehrpersonen im Zuge von Prüfungen.

Diese frühe Trennung, resp. ein Filtern mit 12/13 Jahren, birgt erhebliche Risiken für Fehleinschätzungen und soziale Ungleichheit. Eine spätere Differenzierung mit 15 Jahren auf einer stabileren kognitiven, emotionalen und sozialen Basis stellt sicher, dass Schüler:innen nicht vorschnell auf bestimmte Bildungspfade festgelegt werden. Sie haben so die besseren Chancen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Der Verband Schulführung Schweiz Visenti beschäftigt sich aufgrund zahlreicher evidenzbasierter Erhebungen und Studien mit der Problematik der frühen Selektion mit dem Ziel, die Diskussion auf breiter Basis anzuregen und gemeinsam mit Lehrpersonen und Bildungsverantwortlichen aus der Politik und den Behörden konstruktive Lösungen zu finden, die jungen Menschen eine bessere berufliche Zukunft ermöglichen.

Das ist für Visenti wichtig:

  • Selbstbestimmung und Potenzialentfaltung junger Menschen.
  • Die Schweizer Volkswirtschaft braucht genügend Fachkräfte heute und in Zukunft.
  • Die Berufsbildung und das duale Bildungssystem müssen eine gute Option bleiben.

Die Ziele

  • Jedes Kind, jede Jugendliche respektive alle jungen Menschen verdienen die Förderung, die sie benötigen, um ihr Potenzial zu entfalten und gesund zu bleiben.
  • Wir fördern die Talente junger Menschen, damit morgen die benötigten Fachkräfte vorhanden sind – und zwar zeitgemäss und basierend auf den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft.
  • Die neue Volksschule von 4 bis 15 verringert den Verwaltungsaufwand in der Schule und macht jungen Menschen und Lehrpersonen noch mehr Freude, da mehr Zeit für das Kind und dessen Talententfaltung zur Verfügung steht.

Die Argumente

Pubertät: Der Einstufungszeitpunkt fällt bei den meisten Kindern mitten in die Pubertät, eine Zeit, in der die grössten hormonellen Veränderungen im Kopf und im Körper stattfinden.

Schwieriger Umstieg: Wer einmal in einen Schulzweig unterteilt wurde, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diesem Weg. Ein Auf- bzw. Umstieg zwischen den Schulformen ist nur schwer möglich, das belegt auch die Statistik. Das erschwert auch den Zugang zu Branchen, in denen Fachkräftemangel herrscht.
Unzuverlässige Prognose: Die Einstufung nach Ende der Primarschule stellt keine zuverlässige Prognose über die Talente und die Zukunft des Kindes dar, was die bedürfnisgerechte Ausbildung erschwert.

Soziale Ungleichheit: Kinder von Eltern mit Matura respektive abgeschlossenem Studium erzielen leichter schulische Erfolge als Kinder aus Haushalten ohne dergleichen. Jugendliche so früh in Leistungsklassen zu unterteilen, verstärkt somit soziale Ungleichheiten. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind davon nochmal stärker betroffen.

Stress: Die Einstufungsprüfung setzt Jugendliche enormem Stress und grossem Leistungsdruck aus, was die Psyche schon in jungem Alter sehr belastet und somit langfristig negative Auswirkungen haben kann. Spätere Selektion kann hingegen eine gesündere Form von Stress ermöglichen. 

Viele Grenzfälle: Die erhebliche Mehrheit der Jugendlichen liegt nicht an einem der beiden Enden des schulischen Leistungsspektrums, sondern ungefähr in der Mitte. Bei vielen dieser «Grenzfälle» lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig feststellen, welche Schulform die richtige für sie ist. 

Administrativer Aufwand: Mit der Unterteilung und der dazugehörigen Prüfung geht ein grosser administrativer Aufwand für Lehrpersonal und Direktionen einher.

Verschwendung von Talenten: Gewisse Begabungen, Talente oder Interessen offenbaren sich erst zu einem späteren Zeitpunkt. Durch die frühe Unterteilung kommen sie möglicherweise gar nicht erst ans Licht, die Jugendlichen verschwenden ihre Talente.

Fachkräftemangel: Die Wirtschaft verzichtet aufgrund verschwendeter Talente auf zahlreiche Arbeitskräfte in Bereichen mit hoher Nachfrage, wodurch der Schweiz potenziell Wohlstand entgeht.

Was wir tun

Der Verband Schulführung Schweiz Visenti (ehem. VSLCH) beschäftigt sich schon seit Längerem intensiv mit dem Thema und setzt sich selbst für ein Hinterfragen der Selektion ein.

Unseres Erachtens gilt es in einem ersten Schritt, alle Schulleitenden zu überzeugen Die Ergebnisse des Schweizer Schulleitungsmonitors SLMS zeigen, dass bereits die Mehrheit der Schulleitenden ein Verschieben der Selektion befürwortet.

In einem weiteren Schritt sollten Lehrpersonen, Eltern und Schüler:innen für die Probleme einer zu frühen Selektion sensibilisiert und auf die Potenziale, die noch brach liegen, aufmerksam gemacht werden. 

Zahlen und Fakten

Einteilung in Leistungszüge: eine selbsterfüllende Prophezeiung

Die Einstufungsentscheide für die Sekundarstufe sind nur zu 60 % beeinflusst durch die Leistungen und Motivationen der Kinder. Entscheide basieren zu 40 % auf dem familiären Bildungshintergrund der Kinder, dem Geschlecht oder dem Migrationshintergrund der Kinder (Anders, McElvany & Baumert, 2010).

Leistungsdruck und psychische Belastung

Kinder in selektiven Schulsystemen zeigen eine 30 % höhere Stressbelastung in der Primarschulzeit als Kinder in nicht-selektiven Bildungssystemen (Neuenschwander & Nägele, 2017).

Chancengerechtigkeit und soziale Durchlässigkeit

Für über 80 % aller Schüler:innen ist die Einteilung in einen bestimmten Leistungszug irreversibel, und zwar oft unabhängig davon, wie sich ihre Leistungen auf der Sekundarstufe entwickeln (Gomensoro & Meyer, 2021).

Fachkräftemangel durch frühe Selektion

Durch die frühe Selektion verliert die Schweiz jährlich Tausende Fachkräfte, da talentierte Schüler:innen aus bildungsfernen Haushalten nicht optimal gefördert werden (Gomensoro & Meyer, 2021).

In Ländern mit längerer gemeinsamer Schulzeit sind bis zu 15 % mehr Absolvent:innen in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) vertreten, weil spätere Bildungsentscheidungen eine breitere Förderung von Talenten ermöglichen (Felouzis & Charmillot, 2022).

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